Textschaufenster
Persönliches
Romane
Prosatexte und Lyrik
Fotografie
Textauszug

Textauszug aus “Fahrrad sucht Fisch”
Kapitel 1: Gar kein guter Montagmorgen

Am besten, ich wäre heute gar nicht in die Firma gegangen, sagt sich Elmar Krieger erbost. Treppenabsatz für Treppenabsatz fliegt an ihm vorbei, sein hastiger Blick streift kurz den Schaukasten mit dem Firmenlogo, Im Wissen liegt die Lösung – SENCO, dann stürmt er mit Riesenschritten weiter in die zweite Etage zur Geschäftsbereichsleitung. Ich hätte mir einen Tag Urlaub nehmen oder mich einfach krank melden sollen. Das hätte mir gut getan, außerdem hätte es mir eine Menge Ärger erspart.
Aber als Mitarbeiter des Bereichs Controlling von SENCO, einer mittelständischen Berliner Softwarefirma, trägt Krieger Verantwortung, sehr große Verantwortung sogar, wie er überzeugt ist. Deshalb ist er trotz seiner schlechten Verfassung gekommen, wegen einer wichtigen Terminsache, die ihm unter den Nägeln brennt. Und hat jetzt die Bescherung: Die Rechneranlage ist abgestürzt, gerade während eine Grafik zum Drucker unterwegs war, und wie sich herausstellte, lag es an einer Festplattenstörung, die ohne den Service nicht behoben werden kann. Was für ihn bedeutet, den vierteljährlichen Finanzreport, der bis zum Freitag fertig sein muss, nicht termingerecht vorlegen zu können.
Jetzt darf ich mich also noch mit dieser Angelegenheit herumschlagen, so, als ob meine Probleme nicht schon groß genug wären! Mit einem wütenden Ruck stößt Krieger die Glastür zum Vorzimmer auf. Wie jeder in der Abteilung weiß, war es die hirnlose Entscheidung seines Chefs, die Rechneranlage ohne Sicherheitssystem zu betreiben - ein bodenloser Leichtsinn, der nun zum zweiten Mal innerhalb von nur eineinhalb Jahren zum Ausfall des zentralen Plattenlaufwerks geführt hat. Deshalb will er mit ihm nicht nur über die Reparatur der Anlage reden, sondern auch die unumgänglichen Konsequenzen der Rechneraffäre zur Sprache bringen.

Beim Betreten des Vorraums fällt ihm auf, dass Ilona Mattuschek, die Abteilungssekretärin, nicht an ihrem Platz ist. Sie wäre hinter ihrem weißen, akkurat aufgeräumten Schreibtisch auch gar nicht zu übersehen gewesen. Wenn sie in ihrem Vorzimmerkönigreich thront, links von ihr die große Yuccapalme, dahinter der weit ausladende Gummibaum und der klobige Monitor ihres Computerarbeitsplatzes, schallt ihm sofort, sobald er nur einen Fuß in die Tür setzt, ihr forsches „Hallo Elmar” entgegen. Wahrscheinlich hängt sie mit ihren Busenfreundinnen vom Marketing im Kaffeeraum herum und führt angeregte Gespräche über Gott und die Welt, während hier die Arbeit liegen bleibt und das Telefon nicht abgenommen wird. - Typisch, sagt er sich aufgebracht, für die desolate Arbeitsmoral hier in der Abteilung!
Während er noch wie hypnotisiert auf ihren leeren Schreibtischplatz starrt, übersieht er ein provisorisch verlegtes Kabel, das zur lokalen Netzwerkstation hinaus in den Flur führt. Er verfängt sich mit einer Schuhspitze und kommt beinahe zu Fall. Nur mit großer Mühe kann er sich, wie ein Balletttänzer bei einer misslungenen Figur auf einem Bein quer durch den Raum hopsend, im letzten Moment an der gegenüber liegenden Wand abstützen.
Nachdem er sich mit ein paar wüsten Verwünschungen Luft gemacht hat, nimmt er auf einem der Stühle an dem kleinen, nierenförmigen Besprechungstisch Platz. Nein, es hat keinen Sinn, jetzt in einer derartig aufgelösten Verfassung bei seinem Chef vorstellig zu werden. Damit gibt er sich nur eine unnötige Blöße, es steht ja eine Menge auf dem Spiel, und wer weiß, was ihn bei dem Mann alles erwartet.
Und ist er nicht vor einigen Jahren in einer ähnlichen Situation gestürzt und hat sich dabei eine schmerzhafte Bänderzerrung zugezogen? Ganze drei Wochen musste er damals mit einem Gipsverband herumlaufen. Und genauso lange benötigte die mit der Renovierung des Treppenhauses beauftragte Firma, die Teppichstange wieder zu befestigen, über die er gestolpert und zu Fall gekommen war. Eine derartige Schlamperei will er diesmal verhindern, deswegen wird  er als nächstes dem Sicherheitsbeauftragten  einen Besuch abstatten, damit diese gefährliche Fußangel so schnell wie möglich beseitigt wird.

Er schlägt die Beine übereinander, lehnt sich in dem schwarzen Freischwinger mit den bequemen Armlehnen zurück und lässt den Blick gedankenverloren zum Fenster hinaus gehen. Durch einen der gekippten Flügel brandet der Verkehrslärm vom nahen Adenauerplatz herein, ein Mischmasch aus dröhnenden Motorgeräuschen, nervösen Hupsignalen und hektischem Reifengequietsche, an das er sich eigentlich längst gewöhnt hat. Aber jetzt raubt es ihm die Konzentration. Seine Pupillen  tanzen über die einförmige Fassade auf der anderen Hofseite, ihre wie eingestanzt wirkenden Fensterreihen kommen ihm heute noch abweisender als sonst vor. In einer der Fensterscheiben spiegelt sich die Sonne und schlägt einen ausgefransten, grell-weißen Fleck zu ihm herüber. Er versucht, darin nichts Besonderes zu sehen - er ist ja schließlich kein abergläubischer Mensch -, trotzdem lässt ihn das dunkle Gefühl nicht los, es könne von bevorstehendem Unheil künden.
Nein, es war keine gute Entscheidung, heute zu kommen, das ist wirklich nicht sein Tag. Nicht nur, weil Montag ist und er ein wenig erfreuliches Wochenende hinter sich hat. Schon morgens hat er sich müde und zerschlagen gefühlt, als er nach einer schlecht geschlafenen Nacht schweißgebadet aus unruhigen Träumen aufgewacht ist. Nur mit großer Überwindung hat er nach mehreren Anläufen den Sprung aus den Federn geschafft. Dazu hat er sich aus Unkonzentriertheit beim Rasieren geschnitten, und seine beiden letzten Scheiben Toast sind verbrannt, weil der Regler des Geräts aus Versehen auf der höchsten Stufe stand.
Eine dieser trostlosen Morgenstimmungen, wie er sie seit dem Weggang von Nina, seiner Ex-Frau, immer wieder erlebt. Was er, in einer Mischung aus Ironie und Selbstmitleid, als seinen Sieben-Uhr-Morgen-Seelenkater empfindet, obwohl ihm wahrlich nicht zum Scherzen zumute ist. Manchmal treibt ihn sogar regelrecht der Hass um - Hass auf ihren Egoismus, ihr kaltblütiges Weggehen, ihre gefühllosen Rechtfertigungsversuche. Aber jetzt neigt er eher dazu, sich selber die Schuld zu geben..
Das steigert nicht unbedingt sein Wohlbefinden und lässt ihn noch tiefer in Selbstzweifel absinken. Dazu stand einer dieser grauen Arbeitstage bevor, die schon am Morgen nichts Gutes versprechen, deshalb hätte er besser daran getan, sich irgendwo an einem stillen, verschwiegenen Ort, in einem Café in seiner Wohngegend oder in einem Gartenlokal am Stadtrand, zu verkriechen, oder die Beine in den Plüschsesseln eines der neuen Großkinos in der City lang zu machen. Wo ihn ein unterhaltsamer Film in eine Welt entführt hätte, in der es noch etwas anderes als Zahlen, Akten, Computerpannen und geschäftliche Verpflichtungen gibt.
Denn das Schlimmste an seiner Sieben-Uhr-Morgen-Seelenkater-Verfassung ist, sich in der Firma vor den Kollegen zu verstellen und den forschen, fröhlichen und hochmotivierten Mitarbeiter herauskehren zu müssen - anstatt sich so zu geben, wie es seiner beschissenen Stimmung eben entspricht. Die Aussicht, heute keine Termine zu haben und in aller Ruhe an seinem Bericht weiterarbeiten zu können, hat ihm zwar etwas Auftrieb gegeben, aber dann beim mühevollen Jonglieren mit seinen Zahlenkolonnen musste er immer wieder gegen Müdigkeitsanfälle und Konzentrationsschwierigkeiten ankämpfen.
Das sind Momente, in denen bereits Kleinigkeiten zu Weltuntergangsstimmungen führen. Und so ging ihm, als er mit blankem Entsetzen zusehen musste, wie das gefürchtete Icon mit der Bombe auf dem Bildschirm auftauchte, nur das Eine durch den Kopf: Jetzt auch das noch! Denn mit der Rechnerstörung ist nicht nur die termingerechte Fertigstellung seines Quartalberichts in Frage gestellt, sondern darüber hinaus sind mit großer Wahrscheinlichkeit auch sämtliche Dateien verloren gegangen.
Allein schon der Gedanke, jetzt noch einmal mit diesem grauen  Komplex an Zahlen, Zusammenstellungen und Grafiken, immerhin das Ergebnis von wochenlanger, mühseliger Kleinarbeit, von vorne beginnen zu müssen, kann ihn schier zur Verzweiflung bringen. Es erinnert ihn an die Qualen eines Sisyphos, der der Sage nach fortwährend einen Stein auf den Berg wälzte, ohne jemals zu einem Ende zu kommen.
Mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei der Rechneraffäre nicht irgendwelche böse gesinnten Götter mit im Spiel waren, sondern, neben einer sicherlich unkalkulierbaren Technik, die Fehlentscheidung seines Chefs, die Anlage ohne Sicherheitssystem zu betreiben. Denn dass einmal ein Chip ausfällt, der Lesekopf aufsetzt oder das System durch einen Virus zum Absturz gebracht wird, wäre statistisch gesehen unvermeidbar und damit höhere Macht.
Aber wenn Fragen von Betriebssicherheit nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt und einem ausreichenden Sachverstand behandelt werden, so ist das einfach nur Dummheit und das daraus resultierende Problem hausgemacht. Kein Wunder, dass er die Hoffnung auf eine Wende zum Guten längst aufgegeben hat und zu resignieren beginnt. Für alle Beteiligten eine Katastrophe, denn wenn ein leitender Mitarbeiter die innere Kündigung ausspricht und sich in eine Verweigerungshaltung zurückzieht, stellt das für einen Betrieb so ziemlich das Allerschlimmste dar, was in so einer verschärften Wettbewerbssituation passieren kann.

Er hat ja gehofft, es in diesen Tagen etwas ruhiger angehen zu können. Die hochsommerlichen Temperaturen der letzten Wochen sind eine große Belastung gewesen, nicht nur hier im Büro, wo er zeitweise in Shorts und T-Shirt gesessen hat, sondern auch in seinem Heim, das einem Brutofen glich. Trotz weit aufgerissener Fenster erst ab Mitternacht Abkühlung, vorher keine Chance, das müde Haupt zur Ruhe zu betten. Unter diesen Umständen einen derartigen Arbeitsmarathon durchzuhalten, erscheint ihm mehr als nur fraglich, aber allein der Gedanke, sein Chef könne wieder einmal mit einem blauen Auge davonkommen, spornt ihn zum Weitermachen an..
Eine schlimmere Strafe hätte ihn gar nicht ereilen können, als vor zweieinhalb Jahren in die Abteilung von Dr. Winter versetzt zu werden. Wütend lässt er den Blick zum anderen Gebäudetrakt auf der gegenüberliegenden Hofseite gehen, wo sein früherer Büroraum liegt. Der Geschäftsbereich für Unternehmenslogistikprogramme und Betriebsorganisationssoftware war damals schon bekannt für seine laxe Arbeitsmoral, das Ergebnis blieb regelmäßig weit hinter dem anderer Bereiche zurück, und überhaupt war ihm die Person des Abteilungsleiters von Herzen unsympathisch.
Ein Managertyp, der in seinen Augen eher ein verhinderter Lebemann ist als ein Geschäftsmann. Seine Sachkenntnisse in der Softwaretechnik sind äußerst dürftig, genauso wie sich seine Fähigkeiten in organisatorischer und planerischer Hinsicht in bescheidenen Grenzen halten. Das einzige, was er wirklich kann, ist Leuten gefällig zu kommen und ihnen nach dem Mund zu reden, sie insgeheim aber geschickt gegeneinander auszuspielen, sowie Dinge schönzureden. Dazu hat er einen fast schon zwanghaften Drang zum weiblichen Geschlecht. Keine Kollegin, ob jung oder alt, ist vor seinen Nachstellungen sicher, Hauptsache sie hat einen runden Po und eine ansehnliche Oberweite. Zu seinem Leidwesen hat er damit hier in der Firma einigen Erfolg, was ihm, besonders seit er wieder alleinstehend und auf der Suche ist, recht heftig aufstößt. Denn Dr. Winter ist selbstverständlich glücklich verheiratet und erscheint bei allen firmeninternen Geselligkeiten und Feiern in Begleitung seiner Ehegattin. Und Typen mit einer derartig miesen Doppelmoral kann er um alles in der Welt nicht ausstehen.
Nur, was soll er machen, denkt er sich achselzuckend, während er mit weit ausholenden Schritten auf die Bürotür seines ungeliebten Chefs zueilt. Die Dinge sind nun mal so, wie sie sind, hier in der Abteilung liegt einfach zu viel im Argen, als dass es sich ohne tiefgreifende Konsequenzen beheben ließe.

© 1999 Gottfried Schenk