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Geschichte wird gemacht
Eine politisch unkorrekte Streitschrift (2009)

Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse fiel mir auf ein aufschlussreiches Werk zur ostdeutschen Nachkriegsgeschichte in die Hände. Das in sattem Rot gebundene Buch „Befreiung?“ der Historikerin Silke Satjukow setzt sich mit dem Bestreben der Machthaber in der DDR auseinander, die Eroberung, Besetzung und Vereinnahmung des deutschen Ostens durch die Sowjetunion als Befreiung darzustellen: Befreiung von Militarismus, Krieg, Hitlerfaschismus und Ausbeutung durch Großkapital und Junkertum. Eine Doktrin, die mit großem Nachdruck und propagandistischem Aufwand in die Tat umgesetzt wurde. Immerhin musste einer Bevölkerung, die eben noch den Nazi-Parolen vom Schicksalskampf des deutschen Volkes um Lebensraum im Osten, gegen slawisches Untermenschentum und gegen die drohende bolschewistische Gefahr, ausgesetzt gewesen war, das genaue Gegenteil nahe gebracht werden: das Bild des guten Sowjetmenschen, des wohlwollenden Siegers, des überlegenen politischen Systems.
Meine Genugtuung, dass nun endlich einer der Gründungsmythen des SED-Staates hinterfragt würde, währte nicht lange. Denn hatte die Interpretation der militärischen Niederlage als Befreiung nicht auch im Westen Einzug gehalten? Nur mit vierzig Jahren Verspätung? In der vielbeachteten Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, die dieser 1985 anlässlich des vierzigsten Jahrestages der Kapitulation der deutschen Wehrmacht gehalten hatte, war nicht mehr von Zusammenbruch, Niederlage und Stunde Null die Rede, sondern von Befreiung. Die Alliierten, die Sowjetunion miteingeschlossen, hätten das deutsche Volk vom „System der menschenverachtenden nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ befreit. Eine Sichtweise, die sich seit Mauerfall und Wiedervereinigung gesamtdeutsch etabliert hat, was seither von den Siegermächten mit Einladungen zu den diversen Jubiläumsfeierlichkeiten honoriert wird.
Nun liegt es mir fern, das Ergebnis dessen, was als Befreiung bezeichnet wird, in Frage zu stellen. Auch will ich als Nachkriegsgeborener nicht für diejenigen sprechen, die dreizehn Jahre Naziterror, den Krieg und die Besetzung Deutschlands mit all ihren Opfern und Schrecken am eigenen Leib erleben mussten. Aber mir ist beim besten Willen nicht geläufig, das Wort Befreiung im Westen vor 1985  im Zusammenhang mit der militärischen Niederlage Nazideutschlands gehört zu haben. Als befreit galten KZ-Häftlinge, aus rassistischen und politischen Gründen verfolgte Personen, Kriegsgefangene und die ehemals von der Wehrmacht besetzten Länder. Ansonsten war man schlicht und einfach besiegt worden - ganz zu schweigen von den Millionen von Vertriebenen, für deren Schicksal das Wort Befreiung der reinste Hohn gewesen wäre. Dagegen war viel von Umerziehung die Rede, eine, wie ich finde, sehr viel zutreffendere Bezeichnung für das Unterfangen der Siegermächte, achtzig Millionen Deutsche, die ihrem Hitler zur Macht verholfen hatten und ihm bis in den totalen Krieg gefolgt waren, aus ihrer tiefen Verirrung herauszuführen (auch wenn das Ergebnis aus heutiger Sicht durchaus als Befreiung empfunden werden kann!).  

Nun ist die Umdeutung eines anderen historischen Ereignisses just dieser Tage zu beobachten. Pünktlich zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls wird die bisher allgemein gebräuchliche Redensart von der „Wende“ durch den Ausdruck „friedliche Revolution“ ersetzt. Zugegeben etwas überraschend, denn wer die Ereignisse um den Fall der Berliner Mauer bewusst miterlebt hat, muss sich fragen, ob ihm damals etwas Entscheidendes entgangen ist? Barrikadenkämpfe wie bei der Märzrevolution 1848, oder ein Sturm auf die „Bastille“ à la 1789? Ein abgewirtschaftetes, paralysiertes System ließ sich unter dem Druck der Straße und vor allem unter dem Widerhall von zehntausend wöchentlich westwärts strebenden Füßen stückweise entmachten, wobei viele entscheidende Weichenstellungen im Konsens mit den Machthabern am Runden Tisch getroffen wurden. Heute noch wird von Aktivisten der ehemaligen Bürgerrechtsbewegung eingeräumt, im Herbst 1989 zwar für Reformen und eine Demokratisierung des Systems eingetreten zu sein, aber keinesfalls die Beseitigung der sozialistischen Gesellschaftsordnung oder die Vereinigung mit Westdeutschland angestrebt zu haben. Nach all den samtenen und orangen Revolutionen also noch eine friedliche deutsche - der allerdings der Schönheitsfehler anhaftet, erst nach zwanzig Jahren zu einer solchen geworden zu sein.
Angesichts der massenhaften Gefolgschaft für die beiden totalitären Regime bleibt da der ungute Nachgeschmack von politisch gewollter Schönfärberei. Aus der das Wunschbild spricht, von all der unseligen Vergangenheit endlich befreit zu werden. Nur was ist mit den zwölf  Millionen Heimatvertriebenen? Oder den siebzehn Millionen Landsleuten, die im Zuge dieser „Befreiung“ übergangslos in eine neue Diktatur verfrachtet wurden? Unbestritten das Werk eines der Siegermächte, die zwar die Befreiung der ganzen Menschheit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, faktisch aber unter ihrem großen Führer Stalin in ein Terrorregime pervertiert war. Das Grenzen und ganze Völker willkürlich verschob, politische Gegner millionenfach in den Gulag deportierte oder liquidierte, und in seinem Expansionsdrang den imperialistischen Mächten alten Stils in nichts nachstand. Ein Regime, das kapitale Verbrechen unter dem Deckmantel des vermeintlich Guten begangen hat.
Die Erklärung liegt für mich im Imagestreben eines Landes, das immer noch schwer am schlimmsten Fehltritt seiner Geschichte zu tragen hat. Dessen Überwindung aus heutiger Sicht durchaus als respektable Erfolgsstory angesehen werden kann. - Immerhin hat sich im Verlauf von nur sechzig Jahren die Nation, deren Name einmal synonym für nationalistischen Größenwahn, rassistisch bedingten Völkermord und schwerste Kriegsverbrechen stand, in eine international geachtete Republik verwandelt. In „Darling Deutschland“, wie eine große Berliner Tageszeitung unlängst getitelt hat. Da passt auch die Zeichnung der Ereignisse um den 9.11.89 als „friedliche Revolution“ perfekt in das Bild vom guten Deutschland, dem selbst die Überwindung der bis an die Zähne bewaffneten ostdeutschen Diktatur gewaltfrei gelang. Aber um welchen Preis?
Themen wie Bombenkrieg, Massenvergewaltigungen, das Schicksal der Ostdeutschen nach 1945 und vor allem die Auslöschung der jahrhundertealten deutschen Kulturen in Schlesien, Pommern, Böhmen und Ostpreußen müssen vor diesem Hintergrund tabu bleiben. Oder dürfen, wenn überhaupt, nur mit dem reflexartigen Hinweis auf die deutsche Schuld angesprochen werden. Und wehe dem, der sich auf diesem Feld zu weit vorwagt. Ihm droht als „Geschichtsrevisionisten“ die sofortige Exkommunikation aus der Gemeinschaft der Demokraten, wenn nicht gar die Verbannung in die braune Schmuddelecke! Wogegen die politische Klasse eine bis zur Selbstverleugnung gehende Geschichtsbereinigung betreibt. Ich denke da an die hasserfüllten Attacken gegen Erika Steinbach und den Bund der Vertriebenen wegen des geplanten Zentrums gegen Vertreibungen. Oder an Bundeskanzler Gerhard Schröder, der es 2005 fertiggebracht hat, in trauter Eintracht an der Seite des „lupenreinen Demokraten“ Wladimir Putin an der 750-Jahr-Feier von Kaliningrad teilzunehmen – einer Stadt, die es genau genommen erst seit 1945 gibt. Oder ist von Königsberg, der Stadt Immanuel Kants, nach der Schleifung durch die Rote Armee mehr übriggeblieben als eine Kirche und einige Ruinen? Zwar gab es Widerspruch vom politischen Gegner, aber nicht wegen der Teilnahme an einer geschichtsverfälschenden Jubelfeier, sondern weil der Gastgeber die Nachbarstaaten Polen und Litauen nicht eingeladen hatte.

Wie wenig moralisches Musterschülertum honoriert wird, beweist nicht zuletzt das Thema Beutekunst. Während die Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart eine Restitutionspolitik ohne Wenn und Aber praktiziert, lagern bedeutende Teile des deutschen Kulturguts in den Kellern und Archiven russischer und ukrainischer Museen. Deren Regierungen sich, entgegen internationaler Vereinbarungen, nach wie vor hartnäckig einer Rückgabe verweigern. Dass auch die Westalliierten in dieser Hinsicht nicht ohne Fehl und Tadel waren, konnte ich 2008 anlässlich einer Ausstellung im Halberstädter Dom in Erfahrung bringen. Die dort präsentierten Exponate, Teile des berühmten Domschatzes, waren nach Auskunft des Ausstellungspersonals nur durch den entschlossenen Einsatz eines Pfarrers vor der Beschlagnahmung und Verbringung in die Vereinigten Staaten gerettet worden. Während die Preziosen des nahegelegenen Quedlinburger Doms ihren Weg zurück an den angestammten Ort erst nach einer kostspieligen und langwierigen Rückkauf- und Rechercheaktion bei amerikanischen Kunstsammlern und Antiquitätenhändlern gefunden hatten.
„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“, möchte man angesichts von so viel freihändigem Umgang mit der Vergangenheit in den Refrain der legendären deutschen Punkband „Fehlfarben“ einstimmen. Aber anders als in dem Songtext von 1980 nicht unter der Devise „Vergessen macht frei“ - Erlösung von der Vergangenheit wird ja durch eine Kultur der selektiven Erinnerung und politisch motivierten Umdeutung gesucht. Was fatal an jene Gesellschaftssysteme erinnert, in denen jeder Parteitag, jede ideologische Richtungsänderung und jeder frisch vom Politbüro inthronisierte Generalsekretär eine Neuinterpretation von historischen Ereignissen und Daten mit sich brachte. Politische Systeme, die - in Europa zumindest – längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind.

© Gottfried Schenk 2009